Facebook und Facewatch: Fahndung à la „Aktenzeichen XY … ungelöst“ im 21. Jahrhundert

Wir schreiben das 21. Jahrhundert und wie so vieles haben sich auch die Mittel zur Verbrechensbekämpfung verändert – oder besser gesagt der Zeit angepasst. Das sorgt für Kontroversen. Bei stereopoly.de hat Ricarda vor einigen Tagen über die Fahndung via Facebook berichtet, die in Niedersachsen bereits zum Alltag gehört. Dahinter steckt eine simple Idee: heutzutage verlieren lokale Tageszeitungen immer mehr an Bedeutung, während Online-Medien, wie etwa Facebook, stetig wachsen. Warum sollte man diese Ressourcen also nicht nutzen und nach mutmaßlichen Verbrechern nicht auch bei Facebook fahnden? Dagegen spricht, dass Bilder und Informationen, die einmal ins Internet gelangt sind, sich nachträglich nicht mehr so einfach entfernen lassen – etwa wenn sich der Täter am Ende doch als unschuldig herausstellt. Weiterhin nehmen viele Nutzer das Internet als eine Art rechtsfreien Raum wahr, in dem die eigenen Taten keine Konsequenzen nach sich ziehen. So entsteht dann schnell mal der Aufruf zu Lynchjustiz.

Lynchjustiz gab es aber schon lange vor der Erfindung des Internets. Freilich erweckt die mediale Berichterstattung der vergangenen Wochen den Eindruck, dass allein die Veröffentlichung der Daten des Tatverdächtigen im Internet zu diesen Aufrufen geführt hat. Objektiv betrachtet kam dem Internet im Emdener Mordfall dagegen vielmehr die Rolle eines Multiplikators zu. Soziale Netzwerke erlaubten es, dass Meinungen und Forderungen, die man früher im heimischen Wohnzimmer mit der Familie oder Bekannten diskutierte, Teil des öffentlichen Diskurses wurden und das bei einem ohnehin emotional stark aufgeladenen Thema. Nicht jede Online-Fahndung nach einem Taschendieb oder Bankräuber zieht ein solches öffentliches Interesse auf sich und schon gar keine Aufrufe zur Lynchjustiz.

Wer einen Blick auf die Weiterentwicklung der Fahndung via Facebook werfen möchte, muss nach Großbritannien gehen. Es ist allgemein bekannt, dass kaum ein Land eine so hohe Dichte an CCTV-Kameras hat, wie Großbritannien. Die Bilder von Tatverdächtigen, die diese Kameras liefern, kann die Polizei nun dank einer App von Facewatch direkt an Smartphone-Nutzer weitergeben. Der Nutzer muss der App, die übrigens vom BlackBerry-Hersteller RIM gesponsert wird, lediglich seine Postleitzahl mitteilen und schon bekommt er Bilder von derzeit gesuchten Personen in seinem Umkreis. Sachdienliche Hinweise können der Polizei ebenfalls mit der App übermittelt werden. Nach Angaben dir Firma hinter Facewatch wurden in den vergangenen zwei Monaten bereits 29 Kriminelle mit der App dingfest gemacht.

Früher fanden sich Fahndungsplakate an jeder Bushaltestelle, Bilder von Tatverdächtigen in Tageszeitungen oder gleich ganze Tathergänge im Fernsehen bei „Aktenzeichen XY … ungelöst“. Man hat diese Medien genutzt, weil man mit ihnen einen Großteil der Bevölkerung erreichen konnte. Kaum jemand hat diese Vorgehensweise in Frage gestellt. In einer Zeit, in der das Internet klassische Medien immer häufiger ablöst, muss es auch deren Aufgaben übernehmen. Dennoch wird man darüber sprechen müssen, wie man das Internet im Rahmen der Verbrechensbekämpfung effektiv einsetzen kann, ohne dabei zu leichtfertig sensible Daten der Verdächtigen preiszugeben.

Veröffentlicht von Frank Feil

Blogger aus Leidenschaft seit über 12 Jahren. Ist selbstständig und macht irgendwas mit Social Media. Liebt das Reisen und guten Gin. Baut zur Zeit ein Haus.

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